Der Newsblog zu den Beiratswahlen 2018

Autor: Michael Gschrei | Datum: 11. April 2018

Analyse zur Umsetzung der EU-Prüferreformziele von 2014 - Teil 2

Statt im Börsensegment die Interessenkollision zu verhindern - Förderung des Big4-Beratungsgeschäfts

Die Unabhängigkeit der Wirtschaftsprüfer ist für die Glaubwürdigkeit von Abschlussprüfungen unerlässlich. Der EU-Gesetzgeber sah 2011 bei der Frage der Trennung von Prüfung und Beratung Handlungsbedarf. Deswegen war ein weiteres großes EU-Reformziel durch die Trennung von Prüfung und Beratung beim Prüfungsmandat, die Unabhängigkeit des Abschlussprüfers zu stärken. Dazu sollte die Erbringung von Nichtprüfungsleistungen durch die Prüfungsgesellschaft und ihrer sämtlichen "Netzwerkunternehmen" verboten werden.

Waren die Nichtprüfungsleistungen im Entwurf 2011 der EU-Verordnung noch ganz verboten, schafften es die Big Four, diesen Eingriff in ihr Geschäftsmodell abzuwehren. Anstelle dessen einigte man sich bei börsennotierten Gesellschaften, Banken und Versicherungen für Nichtprüfungsleistungen auf eine Begrenzung von maximal 70% des durchschnittlichen Prüfungshonorars der letzten drei aufeinanderfolgenden Geschäftsjahre. Im Zuge der späteren Umsetzung in deutsches Recht hat der deutsche Gesetzgeber den Big Four die Möglichkeit eröffnet, die 70%-Grenze durch Verlagerung von Nichtprüfungsleistungen auf verbundene Unternehmen oder Netzwerkmitglieder zu umgehen.


Das Risiko von Beratungsleistungen für die Prüfungsqualität beschrieb Dr. Reinhard Blomert in einer finanzsoziologischen Untersuchung im Leviathan 2007 unter dem Titel „Wie viel Demokratie verträgt die Börse?“ Er kam zum Ergebnis: Die Beratungsfunktion neutralisiert die Prüfungsfunktion! Die Prüfung degeneriere zum Türöffner für das profitable Beratungsgeschäft. Damit ginge die Unabhängigkeit verloren, weil sich der Prüfer mehr an den Wünschen und Forderungen der Kunden orientiere. Dadurch bleibt die Aussagekraft solcher Abschlussprüfungen für Investoren fraglich.

 In der Finanzkrise kamen besonders strukturierte Produkte in Verruf, weil sie sich teilweise als wertlos erwiesen. Im HRE-Untersuchungsausschuss erklärte ein KPMG-Wirtschaftsprüfer, der 2009 als Zeuge vernommen wurde, die strukturierten Produkte seien im Vorfeld der Finanzmarktkrise mittels Plausibilisierung vom Abschlussprüfer als werthaltig eingeschätzt worden. Doch 2008 sagte bereits sein Chef im IDW Heft „Die Wirtschaftsprüfung 2008“ Ausgabe 5, S. 1: Die strukturierten Produkte waren von mangelhafter Transparenz. Folgerungen für die Testate nannte er aber nicht. Scheinbar gab es 2008 bei KPMG keine Prüferregel, die klar besagte, dass mangelhafte Transparenz bei wesentlichen Vermögensgegenständen zur Einschränkung des Testats führen müsste. 

Der Jahresabschluss und der Lagebericht sind die einzigen geprüften Dokumente für den Anleger. Stimmen diese nicht, fehlen dem Investor entscheidende Unterlagen zur Beurteilung der Performance eines Unternehmens. Die Skandale bei der Deutschen Bank in den vergangenen Jahren werfen viele Fragen über die Qualität der Testate auf, denn die Testate zu den Jahresabschlüssen und Lageberichten waren immer uneingeschränkt.


Blick auf die Prüfungs- und Beratungsquoten der beiden Platzhirsche im DAX160

PwC und KPMG erwirtschafteten 2016 über 80 % der insgesamt erzielten Umsätze aus Prüfungs- und Beratungsmandaten, hielten aber nur 60 % der Mandate. Daraus kann der Schluss gezogen werden, dass die beiden Gesellschaften die lukrativsten Mandate hatten. Dazu zählte u.a. auch das Noch-KPMG-Mandat Deutsche Bank mit einem Honorar von über 82 Mio. EUR.


Die Non-Audit-Quoten zeigen, dass sich Beratungsleistungen weiterhin großer Beliebtheit erfreuen. Daran hat auch die EU-VO 2014 nichts geändert. Die Gestaltungsfreiräume sind nach wie vor entsprechend hoch. Im DAX-30 liegt die Beratungsquote nahezu konstant bei etwa 35 %. 

Ergebnis: Die 2014 nicht eingeführte Trennung von Prüfung und Beratung rächt sich. Die Beratungsumsätze sind im gesamten Dax und insbesondere bei den beiden Platzhirschen KPMG und PwC gestiegen. Kein Wunder also, dass in Großbritannien schon wieder die Abspaltung des Beratungsgeschäfts vom Prüfungsgeschäft diskutiert wird.